English: Circus and New Circus Forms / Español: Circo y Nuevas Formas de Circo / Português: Circo e Novas Formas de Circo / Français: Cirque et Nouvelles Formes de Cirque / Italiano: Circo e Nuove Forme di Circo

Zirkus und Neue Zirkusformen bezeichnen eine traditionelle wie moderne Kunstform, die Akrobatik, Clownerie, Tierdressuren und andere spektakuläre Darbietungen vereint. Während der klassische Zirkus auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblickt, haben sich seit den 1970er-Jahren innovative Ansätze entwickelt, die künstlerische Experimentierfreude mit zeitgenössischen Themen verbinden und oft auf Tierakte verzichten.

Allgemeine Beschreibung

Der Zirkus als kulturelles Phänomen entstand im späten 18. Jahrhundert in England, als der ehemalige Kavalleriesoldat Philip Astley 1768 in London die erste feste Manege mit einem Durchmesser von etwa 13 Metern errichtete. Diese kreisförmige Arena – inspiriert von Reitbahnen für Dressurübungen – wurde zum charakteristischen Merkmal des Zirkus und ermöglichte es den Künstlern und Künstlerinnen, ihre Nummern aus allen Perspektiven zu präsentieren. Traditionell kombinierte der Zirkus verschiedene Disziplinen wie Seiltanz, Jonglage, Trapezkunst und Tierdressuren, die von einer oft farbenfroh kostümierten Zirkusdirektion oder einem Conférencier angekündigt wurden.

Die Wanderzirkusse des 19. und frühen 20. Jahrhunderts prägten das Bild des Zirkus als mobiles Spektakel, das mit Zelten, Wagen und exotischen Tieren von Ort zu Ort zog. Familien wie die Sarrasani, die Knie oder die Althoffs wurden in Europa zu Synonymen für diese Kunstform. Parallel entwickelte sich der Zirkus in anderen Kulturen weiter, etwa in China mit der Akrobatiktradition oder in Russland mit der berühmten Moskauer Zirkusschule, die seit 1927 Künstler und Künstlerinnen ausbildet. Die Ära des klassischen Zirkus war jedoch auch von Kontroversen geprägt, insbesondere durch die Haltung und Dressur wildlebender Tiere wie Elefanten, Löwen oder Bären, was ab den 1980er-Jahren zunehmend in die Kritik geriet.

Als Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen und künstlerische Neuerungsbestrebungen entstanden ab den 1970er-Jahren die Neuen Zirkusformen, die sich bewusst von der Tradition abgrenzten. Pioniere wie der französische Zirkus "Le Cirque du Soleil" (gegründet 1984) oder die deutsche Gruppe "Roncalli" (gegründet 1976) setzten auf narrative Elemente, theatralische Inszenierungen und eine stärkere Betonung der menschlichen Kunstfertigkeit. Tierakte wurden weitgehend abandoned, während technisch anspruchsvolle Nummern wie Vertikaltuch, Cyr Wheel (ein großformatiges Metallrad) oder Luftakrobatik an Trapezen und Schlingen an Bedeutung gewannen. Diese Entwicklungen führten zu einer Verschmelzung von Zirkus, Tanz, Theater und Performancekunst, die heute unter Begriffen wie "Zeitgenössischer Zirkus" oder "Cirque Nouveau" zusammengefasst werden.

Ein weiteres Merkmal der Neuen Zirkusformen ist die zunehmende Institutionalisierung und Akademisierung. Seit den 1980er-Jahren entstanden weltweit Ausbildungsstätten wie die "École Nationale de Cirque" in Montréal (Kanada) oder die "Staatliche Artistenschule Berlin", die junge Talente in mehrjährigen Studiengängen fördern. Zudem werden Zirkusproduktionen heute häufig in festen Spielstätten wie dem "Cirque de Demain" in Paris oder dem "Chamäleon Theater" in Berlin gezeigt, was die einstige Mobilität des Zirkus relativiert. Gleichzeitig experimentieren freie Künstlerkollektive mit ortsspezifischen Performances oder sozialkritischen Themen, etwa zu Migration, Klimawandel oder digitaler Entfremdung, und erweitern so das genreübergreifende Potenzial des Zirkus.

Historische Entwicklung

Die Ursprünge des Zirkus lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen, wo akrobatische und tiergestützte Darbietungen in Rom (z. B. im Colosseum) oder im alten China stattfanden. Allerdings wurde der Zirkus erst im 18. Jahrhundert als eigenständige Kunstform etabliert. Philip Astleys Idee, Reitkunst mit anderen spektakulären Nummern zu verbinden, verbreitete sich schnell in Europa und Nordamerika. Im 19. Jahrhundert entstanden große Zirkusdynastien wie die Familie Barnum in den USA, die mit Sensationen wie dem "Greatest Show on Earth" Massenpublikum anzogen. Die Einführung des Zirkuszeltes (ab 1825 durch den Franzosen Henri Franconi) ermöglichte es, auch abseits von Städten aufzutreten und so ein breiteres Publikum zu erreichen.

Im 20. Jahrhundert führte die Erfindung des Films und später des Fernsehens zu einem Rückgang der Zirkuspopularität, da die Konkurrenz durch visuelle Massenmedien wuchs. Gleichzeitig professionalisierte sich die Branche: Zirkusverbände wie der "Deutsche Berufsverband für Zirkus und Varieté" (gegründet 1951) setzten Standards für Sicherheit und Tierhaltung, während technische Innovationen – etwa beheizbare Zelte oder hydraulische Bühnen – die Arbeitsbedingungen verbesserten. Die Kritik an Tierdressuren eskalierte jedoch in den 1990er-Jahren, als Tierschutzorganisationen wie PETA Missstände in der Haltung von Wildtieren anprangerten. Dies beschleunigte den Wandel hin zu tierfreien Programmen, der in Ländern wie Österreich oder Schweden sogar gesetzlich verankert wurde (z. B. Verbot von Wildtieren in Zirkussen ab 2015 bzw. 2018).

Künstlerische und technische Aspekte

Zirkuskunst erfordert jahrelanges Training, das körperliche Präzision mit künstlerischem Ausdruck verbindet. Traditionelle Disziplinen wie das Trapez (statisch oder fliegend) oder der Seiltanz verlangen ein hohes Maß an Balance und Kraft, während moderne Geräte wie das Cyr Wheel (erfunden 2003 vom Deutschen Daniel Cyr) oder das Vertikaltuch neue ästhetische Möglichkeiten eröffnen. Akrobatik am Boden, etwa durch menschliche Pyramiden oder Salti, basiert auf physikalischen Prinzipien wie Schwerpunktverlagerung und Hebelwirkung. Jonglage mit Bällen, Keulen oder brennenden Fackeln trainiert zudem die Hand-Auge-Koordination und wird oft mit rhythmischer Musik synchronisiert.

Technisch gesehen sind Zirkuszelte heute hochkomplexe Konstruktionen: Moderne Chapiteaus (Zirkuszelte) bestehen aus feuerhemmenden Materialien wie PVC-beschichtetem Polyester und werden durch Aluminium- oder Stahlmasten stabilisiert. Die Manege ist meist mit einem elastischen Boden aus Sand, Sägespänen oder speziellen Matten ausgestattet, um Stürze abzufedern. Bei Open-Air-Aufführungen kommen zunehmend LED-Projektionen oder Drohnen-Choreografien zum Einsatz, um die Show visuell zu verstärken. Sicherheitsvorschriften regeln zudem die maximale Höhe von Trapezen (in der Regel bis 12 Meter) oder die Belastbarkeit von Netzen, die bei Luftnummern als Schutz dienen.

Anwendungsbereiche

  • Klassischer Wanderzirkus: Mobile Produktionen, die in Zelten oder temporären Arenen auftreten und ein breites Publikum mit traditionellen Nummern wie Clownerie, Tierdressuren (soweit noch erlaubt) und Akrobatik ansprechen. Beispiele sind der "Circus Krone" in Deutschland oder der "Ringling Bros. and Barnum & Bailey Circus" in den USA (bis zu dessen Schließung 2017).
  • Zeitgenössischer Zirkus: Fest installierte Shows in Theatern oder eigens errichteten Spielstätten, die narrative Elemente mit Zirkuskunst verbinden. Hierzu zählen Produktionen wie "O" oder "Mystère" von "Cirque du Soleil", die in Las Vegas oder auf Welttournee gehen.
  • Sozialer Zirkus: Pädagogische Projekte, die Zirkustechniken nutzen, um benachteiligten Kindern und Jugendlichen Teamfähigkeit, Selbstvertrauen und körperliche Fitness zu vermitteln. Organisationen wie "Cirque du Monde" (ein Programm des "Cirque du Soleil") arbeiten weltweit in Krisenregionen oder sozial schwachen Stadtteilen.
  • Corporate Events und Werbung: Zirkuskünstler und -künstlerinnen werden zunehmend für Firmenevents, Produktpräsentationen oder Werbekampagnen gebucht, um durch spektakuläre Auftritte Aufmerksamkeit zu generieren. Beispiele sind Luftakrobatik bei Autopräsentationen oder Jonglage mit leuchtenden Objekten auf Tech-Messen.
  • Forschung und Therapie: Die Bewegungsabläufe des Zirkus werden in der Sportwissenschaft analysiert, um Verletzungsrisiken zu minimieren. Zudem setzt die Physiotherapie Elemente wie Balanceübungen auf dem Einrad oder Partnerakrobatik zur Rehabilitation ein.

Bekannte Beispiele

  • Cirque du Soleil: Gegründet 1984 in Kanada, revolutionierte diese Gruppe den Zirkus durch theatralische Inszenierungen ohne Tiere. Shows wie "Alegria" oder "Kà" kombinieren Akrobatik mit aufwendigen Kostümen, Live-Musik und digitalen Projektionen. Das Unternehmen beschäftigt über 4.000 Künstler und Künstlerinnen aus mehr als 50 Ländern.
  • Circus Roncalli: Der 1976 von Bernhard Paul in Deutschland gegründete Zirkus setzt auf poetische Inszenierungen und historische Themen. Bekannt wurde er auch durch den Einsatz von Hologrammen statt lebender Tiere in der Manege (ab 2018).
  • 7 Fingers (Les 7 Doigts de la Main): Dieses kanadische Kollektiv (gegründet 2002) verbindet Zirkus mit zeitgenössischem Tanz und sozialkritischen Themen. Produktionen wie "Traces" oder "Cuisine & Confessions" touren international und wurden mit Preisen wie dem "Dora Mavor Moore Award" ausgezeichnet.
  • China National Acrobatic Troupe: Diese staatliche Gruppe präsentiert seit 1950 traditionelle chinesische Akrobatik, die durch extreme Flexibilität, Präzisionsjunglage (z. B. mit Porzellanschalen) und kollektive Menschenpyramiden besticht. Auftritte fanden u. a. bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking statt.
  • Circo Price (Madrid): Eines der ältesten Zirkusgebäude Europas (eröffnet 1880), das heute als Spielstätte für zeitgenössischen Zirkus und Varieté dient. Es ist benannt nach dem britischen Zirkuspionier Thomas Price und steht unter Denkmalschutz.

Risiken und Herausforderungen

  • Physische Belastung: Zirkuskünstler und -künstlerinnen sind einem hohen Verletzungsrisiko ausgesetzt, insbesondere bei Luftakrobatik oder Stunts ohne Sicherheitsnetz. Chronische Überlastungen (z. B. Sehnenscheidenentzündungen) oder schwere Unfälle (wie der tödliche Sturz der Artistin Sarah Guyard 2017 beim "Cirque du Soleil") unterstreichen die Notwendigkeit strenger Sicherheitsprotokolle.
  • Tierwohl-Debatte: Die Haltung von Wildtieren in Zirkussen ist in vielen Ländern verboten oder stark reglementiert. Studien der "World Animal Protection" (2016) zeigen, dass selbst domestizierte Tiere wie Pferde unter den engen Transportbedingungen und Lärmbelastungen leiden. Dies führt zu Imageproblemen und rechtlichen Auseinandersetzungen.
  • Wirtschaftliche Unsicherheit: Kleine Zirkusbetriebe kämpfen mit steigenden Kosten für Logistik, Versicherungen und Personal, während die Konkurrenz durch Großproduktionen wie "Cirque du Soleil" oder digitale Unterhaltungsformate wächst. Die COVID-19-Pandemie (2020–2022) verschärfte die Krise, als Tourneen weltweit abgesagt werden mussten.
  • Kulturelle Aneignung: Kritiker werfen einigen Zirkusproduktionen vor, traditionelle Kunstformen (z. B. afrikanische Akrobatik oder indische Seiltanztechniken) ohne angemessene Wertschätzung oder Kompensation zu kommerzialisieren. Dies führt zu Debatten über kulturelle Sensibilität und Urheberrechte.
  • Nachwuchsmangel: Trotz der Gründung von Zirkusschulen fehlt es an qualifizierten Künstlerinnen und Künstlern, da die Ausbildung langwierig ist und die Karriereperspektiven oft unsicher. Viele Talente wechseln in verwandte Bereiche wie Theater, Filmstunts oder Fitnessbranche.

Ähnliche Begriffe

  • Varieté: Eine Bühnenkunstform, die ähnlich wie der Zirkus verschiedene Nummern (Gesang, Zauberei, Akrobatik) präsentiert, jedoch meist in festen Theatern statt in Zelten. Bekannt wurde das Varieté im 19. Jahrhundert in Paris (z. B. "Moulin Rouge").
  • Burleske: Eine humorvolle, oft übertriebene Theaterform, die Elemente des Zirkus (z. B. Clownerie) mit Tanz und Satire verbindet. Im englischen Sprachraum ist "Burlesque" auch mit Striptease assoziiert.
  • Straßentheater: Kunstformen wie Jonglage, Einradfahren oder lebende Statuen, die im öffentlichen Raum aufgeführt werden und oft improvisatorisch sind. Im Gegensatz zum Zirkus verzichten sie auf eine feste Spielstätte oder narrative Struktur.
  • Performancekunst: Ein Oberbegriff für künstlerische Aktionen, die Körper, Raum und Zeit nutzen – ähnlich wie der zeitgenössische Zirkus. Allerdings steht hier häufig der konzeptuelle Ansatz im Vordergrund, nicht die technische Virtuosität.
  • Kabarett: Eine Mischung aus Comedy, Musik und gesellschaftlicher Kritik, die wie der Zirkus auf Unterhaltung setzt, aber stärker auf sprachliche Mittel (Wortwitz, Satire) zurückgreift.

Zusammenfassung

Zirkus und Neue Zirkusformen repräsentieren eine dynamische Kunstgattung, die sich von einer traditionellen Wanderunterhaltung zu einer vielseitigen, oft hochtechnisierten Bühnenkunst entwickelt hat. Während der klassische Zirkus auf spektakuläre Tierdressuren und familiengeführte Betriebe setzte, dominieren heute tierfreie, narrative Produktionen mit artistischer Präzision und sozialkritischen Themen. Institutionen wie Zirkusschulen oder Festivals (z. B. das "Festival Mondial du Cirque de Demain" in Paris) fördern den Nachwuchs, doch die Branche steht vor Herausforderungen wie Tierwohl-Debatten, wirtschaftlicher Instabilität und dem Wettbewerb durch digitale Medien.

Trotz dieser Hürden bleibt der Zirkus ein globales Phänomen, das durch seine Fähigkeit zur Innovation – etwa durch den Einsatz neuer Technologien oder die Verbindung mit anderen Kunstsparten – weiterhin fasziniert. Als Schnittstelle zwischen Sport, Theater und visueller Kunst bietet er ein einzigartiges Erlebnis, das sowohl nostalgische als auch avantgardistische Sehnsüchte bedient.

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