English: Variety Show / Español: Espectáculo de Variedades / Português: Espetáculo de Variedades / Français: Spectacle de Variétés / Italiano: Spettacolo di Varietà
Varieté bezeichnet eine Unterhaltungsform, die seit dem 19. Jahrhundert eine Mischung aus Kunst, Akrobatik, Musik und Komik bietet. Ursprünglich in Paris und Berlin entstanden, entwickelte es sich zu einer beliebten Bühnenkunst, die bis heute in Theatern und Zirkussen präsent ist. Die Vielfalt der Darbietungen macht es zu einem einzigartigen kulturellen Phänomen.
Allgemeine Beschreibung
Varieté (von französisch *variété* für "Vielfalt") ist eine Bühnenkunstform, die durch abwechslungsreiche, kurze Darbietungen verschiedener Künstler geprägt ist. Im Gegensatz zum Zirkus, der oft auf tierische Attraktionen setzt, oder zum Theater, das auf durchgehende Handlungen basiert, kombiniert Varieté Elemente aus Tanz, Gesang, Zauberei, Akrobatik und Komik. Die Wurzeln des Varietés liegen im 19. Jahrhundert, als in europäischen Großstädten wie Paris, London und Berlin erste Varieté-Theater entstanden, darunter das berühmte Folies Bergère (1869) und das Wintergarten-Theater in Berlin (1887).
Ein zentrales Merkmal des Varietés ist die Abfolge unabhängiger Nummern, die durch einen Conférencier (Moderator) angekündigt und verbunden werden. Die Darbietungen sind meist 5 bis 15 Minuten lang und erfordern von den Künstlern höchste Präzision und künstlerische Meisterschaft. Historisch war Varieté eine Unterhaltung für ein breites Publikum, das sowohl bürgerliche als auch proletarische Schichten umfasste. Im 20. Jahrhundert verlor es zwar an Bedeutung, erlebte aber durch moderne Interpretationen wie das Cirque du Soleil oder TV-Formate wie "Suche die Superstar" (Castingshows mit Varieté-Elementen) eine Renaissance.
Typische Disziplinen im Varieté umfassen Luftakrobatik (z. B. Trapez), Ballett und Steptanz, Feuershows, Comedy (z. B. Clownerie oder Stand-up) sowie Illusionismus (Zauberei). Die Bühnen sind oft opulent gestaltet, mit aufwendigen Kostümen und Lichtdesign, um die spektakulären Leistungen der Künstler zu unterstreichen. Im Gegensatz zum klassischen Theater steht nicht die Erzählung, sondern die pure Unterhaltung und das Staunen über menschliche Fähigkeiten im Vordergrund.
Historische Entwicklung
Die Ursprünge des Varietés lassen sich bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückverfolgen, als in Paris die ersten Cafés-Chantants entstanden – kleine Lokale, in denen Sänger, Tänzer und Komiker auftraten. Mit der Industrialisierung und dem Wachstum der Städte entwickelte sich daraus eine professionelle Bühnenkunst. 1869 eröffnete das Folies Bergère in Paris, das mit aufwendigen Revuen und exotischen Tänzen (wie dem Cancan) zum Vorbild für Varieté-Theater weltweit wurde. In Deutschland prägte vor allem das Wintergarten-Theater in Berlin die Szene, wo Künstler wie Harry Houdini (Zauberkünstler) oder Josephine Baker (Tänzerin) auftraten.
Im frühen 20. Jahrhundert erreichte das Varieté seinen Höhepunkt, doch mit dem Aufkommen des Kinos und später des Fernsehens sank seine Popularität. Viele Varieté-Theater schlossen oder wandelten sich zu Revuen oder Musical-Bühnen um. Eine Ausnahme bildete die DDR, wo das Varieté als staatlich geförderte Kunstform überlebte – etwa im Friedrichstadt-Palast in Berlin. Seit den 1980er-Jahren erlebt das Genre durch moderne Zirkusprojekte wie den Cirque du Soleil (gegründet 1984 in Kanada) eine Wiederbelebung, die traditionelle Varieté-Elemente mit zeitgenössischer Ästhetik verbindet.
Anwendungsbereiche
- Bühnenkunst: Klassische Varieté-Shows in Theatern wie dem Friedrichstadt-Palast (Berlin) oder dem Lido de Paris, die aufwendige Inszenierungen mit Live-Musik und Tanz bieten.
- Zirkus und Neue Zirkusformen: Moderne Zirkusunternehmen wie Cirque du Soleil oder Roncalli integrieren Varieté-Nummern in ihre Vorstellungen, oft mit narrativen Elementen.
- Fernsehen und Medien: Unterhaltungsformate wie "Das Supertalent" (RTL) oder "America's Got Talent" (NBC) greifen Varieté-Traditionen auf, indem sie Akrobaten, Sänger und Komiker einem breiten Publikum präsentieren.
- Event- und Galabranche: Varieté-Künstler werden für Firmenevents, Kreuzfahrten oder Hochzeiten gebucht, um mit kurzen, spektakulären Auftritten zu unterhalten.
- Kabarett und Kleinkunst: Kleine Bühnen und Clubs nutzen Varieté-Elemente, um politische Satire (z. B. im Berliner "Distel"-Kabarett) mit artistischen Einlagen zu verbinden.
Bekannte Beispiele
- Folies Bergère (Paris, seit 1869): Eines der berühmtesten Varieté-Theater der Welt, bekannt für seine aufwendigen Revuen und den Cancan-Tanz. Künstler wie Mistinguett oder Édith Piaf traten hier auf.
- Friedrichstadt-Palast (Berlin, seit 1919): Das größte Varieté-Theater Europas, das während der DDR-Zeit staatlich gefördert wurde und heute mit Shows wie *"VIVID"* internationale Künstler zeigt.
- Cirque du Soleil (seit 1984): Ein kanadisches Unternehmen, das traditionelles Varieté mit moderner Akrobatik, Theater und Musik kombiniert. Shows wie "O"* oder *"Mystère" touren weltweit.
- Josephine Baker (1906–1975): Eine ikonische Tänzerin und Sängerin, die in den 1920er-Jahren im Folies Bergère mit ihrem Bananentanz berühmt wurde und zum Symbol des Varietés wurde.
- Harry Houdini (1874–1926): Der berühmte Zauberkünstler und Entfesselungskünstler trat in Varieté-Theatern auf und prägte die Illusionismus-Szene.
Risiken und Herausforderungen
- Physische Belastung der Künstler: Viele Varieté-Nummern erfordern extreme körperliche Leistungen (z. B. Luftakrobatik oder Feuershows), die zu Verletzungen oder langfristigen Gesundheitsschäden führen können.
- Wirtschaftliche Unsicherheit: Traditionelle Varieté-Theater sind oft auf Subventionen oder Tourismus angewiesen. Ohne staatliche Förderung (wie in der DDR) droht vielen Häusern die Schließung.
- Konkurrenz durch digitale Medien: Streaming-Dienste und Social Media bieten alternative Unterhaltungsformate, die das klassische Varieté-Publikum reduzieren.
- Kulturelle Aneignung: Historisch wurden im Varieté oft exotisierte Darstellungen (z. B. "Wild-West"-Shows oder "Orient"-Tänze) gezeigt, die heute als problematisch gelten und zu Debatten über Rassismus führen.
- Hohe Produktionskosten: Aufwendige Bühnenbilder, Kostüme und Technik erfordern große Investitionen, die sich nicht immer refinanzieren lassen.
Ähnliche Begriffe
- Revue: Eine theaterähnliche Aufführung mit Gesang, Tanz und Sketchen, oft mit einer lockeren Handlung. Im Gegensatz zum Varieté sind Revuen meist länger und thematisch verbunden (z. B. "Bluebell Girls" im Lido de Paris).
- Zirkus: Eine Wanderbühne mit artistischen Darbietungen, oft inklusive Tierdressuren. Während Varieté auf kurze, abwechslungsreiche Nummern setzt, hat der Zirkus traditionell eine familienfreundlichere Ausrichtung.
- Kabarett: Eine Mischung aus Unterhaltung und gesellschaftlicher Kritik, oft mit politischen oder satirischen Inhalten. Varieté ist dagegen meist unpolitisch und auf reine Unterhaltung fokussiert.
- Vodevil (Vaudeville): Eine US-amerikanische Variante des Varietés (19.–20. Jahrhundert), die Comedy, Musik und kurze Sketche kombinierte. Bekannt durch Künstler wie die Marx Brothers.
- Burlesque: Eine theatralische Form mit humorvollen, oft erotischen Darbietungen, die im 19. Jahrhundert populär war (z. B. mit Lola Montez). Im Gegensatz zum Varieté steht hier die Provokation im Vordergrund.
Zusammenfassung
Varieté ist eine vielseitige Bühnenkunst, die seit dem 19. Jahrhundert durch kurze, spektakuläre Darbietungen aus Akrobatik, Musik, Tanz und Komik geprägt ist. Seine Blütezeit erlebte es in europäischen Metropolen wie Paris und Berlin, bevor es durch Kino und Fernsehen an Bedeutung verlor. Heute wird es durch moderne Zirkusprojekte wie den Cirque du Soleil oder TV-Castingshows neu interpretiert. Trotz Herausforderungen wie hoher Produktionskosten oder kultureller Kontroversen bleibt Varieté eine faszinierende Form der Unterhaltung, die handwerkliche Meisterschaft und kreative Vielfalt vereint.
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